|  Druckversion  |  
 Position:  Startseite → Alte Textdokumente
 
 

Es geschah in Haibach 1811/1812

Anton Zenglein möchte als Schreiner nah Haibach heiraten


Das Gebiet um Aschaffenburg war vor 1803 ein Territorium des Oberen Erzstiftes Mainz. Im Jahre 1803 wurde das Erzstift mit dem Reichsdeputationshauptschluss aufgelöst und das Fürstentum Aschaffenburg, das aus dem Viztumamt Aschaffenburg sowie den Oberämtern Klingenberg, Orb und Lohr als Kurfürstentum gebildet, das unter der Herrschaft des Reichserzkanzlers Karl Theodor von Dalberg stand. Dem Territorium wurde mit der Gründung des Rheinbundes, dessen Fürtsprimas Dalberg war, 1806 die Reichsstadt Frankfurt einverleibt. Dalberg ließ in Aschaffenburg unter anderem eine Kunstgewerbeschule (1807), eine Universität (1808) und 1811 auch ein Theater im ehemaligen Deutschen Haus errichten. 1810 übergab Napoleon Dalbergs Fürstentum Regensburg an Bayern, im Gegenzug bekam Dalberg die Fürstentümer Hanau und Fulda hinzu. Gleichzeitig wurde das gesamte Territorium Dalbergs zum Großherzogtum Frankfurt vereinigt, welches in die vier Departements Frankfurt, Hanau, Aschaffenburg und Fulda geteilt war. Die Residenz blieb weiterhin Aschaffenburg. Am 16. August 1810 wurde eine am französischen Vorbild orientierte Verfassung erlassen, 1811 der Code Civil eingeführt. Dalberg war ein fortschrittlicher Herrscher, der in seiner kurzen Regierungszeit unter anderem die Leibeigenschaft und Frondienste abschaffte, das Schul- und Bildungssystem reformierte und ein Dekret zur Judenemanzipation erließ. Seine politische Macht war jedoch durch die französische Vormachtstellung begrenzt. Dalberg verließ das Großherzogtum am 30. September 1813 und dankte am 28. Oktober zugunsten von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais ab. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig zerfiel das Großherzogtum. Das Gebiet des ehemaligen Fürstentums Aschaffenburg wurde letztendlich im Jahre 1814 ein Teil des Königreichs Bayern.

Von 1811 stammt die Ablehnung eines Gesuches zur „Unterthansannahme“ eines Anton Zenglein, der als Schreiner nach Haibach heiraten wollte. Übersetzt hat die Urkunde Matthäus Withelm.



Anton Zenglein stammte aus Oerlenbach was zwischen Bad Kissingen und Schweinfurt liegt. Für uns besonders interessant ist der Grund für die Ablehnung: Eine zu große Bevölkerungszahl gegenüber der Gemarkungsfläche. Dies führe zu Armut der Bürger ( „mit nahrungslosen Einwohner überhäufte Gemeinde“) und zu einer hohen Sozialausgabe der Gemeinde. Zudem seien 13 Haibacher beim Militär in Spanien, denen „billigerweise die Annahme in ihr Geburtsort nicht versagt werden kann“, wodurch die „ohnehin übergroße Bevölkerung bedeutend zunimmt“.

Da der genannte Anton Zenglein als der „Stammvater“ aller heutigen Haibacher Zenglein gilt, zeigt, dass er sich mit der Ablehnung nicht zufrieden gegeben hat.

Die verwendeten Begriffe für die Verwaltung stammen aus dem französischen: Hl. Maire = herzoglicher Bürgermeister; Distriktsmaire = vergleichbar mit Landrat; Departement = regionale Verwaltungseinheit; Präfekt = höchster Verwaltungsbeamte eines Departements;

Die lateinischen Begriffe bedeuten:

Suplikant = Antragsteller; Sponsa = Braut, Verlobte; Petitio principii =Inanspruchnahme des Beweisgrundes; Reception = Aufnahme; Requisiten = Zeugnisse, Urkunden;



Aschaffenburg am 19ten Okt. 1811

Großherzogthum Frankfurt. Departement Aschaffenburg

Nro.8 des Hauptregisters

Betreff: Anton Zenglein von Erlenbach Unterthansannahme nach Haibach



Der Distrikts = Maire von Schweinheim an den Herrn Präfekten.



Anton Zenglein aus dem GhzL Würzburgl. Orte Erlenbach will ein Haibacher Mädgen heurathen und sich als Unterthan als Schreinermeister in Haibach niederlassen.

Er bat zu diesem Behufe um ein Zeugnis, daß er in dem Orte Haibach als Nachbar angenommen werde, damit er hierdurch seinen Abschied und Entlassung erwirken, und die nötigen Zeugnisse über seine Geburt und Vermögensverhältnisse erhalten könne, welches alles er ohne jene vorläufige Zusicherung nicht erwirken könnte.

Zum Behufe der deshalb zu machenden Vorlage zog ich von dem Hl. Maire zu Haibach den Bericht ein, welchen ich anliegend vorzulegen die Ehre habe.



26. Okt. 1811

An Hl. Distrikts Maire von Schweinheim



Einverstanden mit ihrem Gutachten, Verbescheiden Sie den Suplikanten abschlägig.



Will



Diesem zufolge besitzt der Vater der Braut des Supplikanten kein Vermögen, und ein Schreiner kann sich in Haibach nicht ernähren; der Hl. Maire bittet also die ohnehin mit Nahrungslosen Einwohnern überhäufte Gemeinde mit dieser Annahme zu verschonen. Da die Sponsa des Supplikanten kein Vermögen besitzt, so ist dessen Gesuch um deswillen Petitio pricipii, da er um die zu seiner Reception erforderliche - und die ihn hierzu erst qualificierende Requisiten aus zu weisen, vorläufig schon eine Zusicherung fordert, die erst eine Folge der auszuweisenden Requisiten sein kann.

Dieserhalb - und da die von dem Hl. Maire berichtlich vorgelegte Umstände vollständig begründet sind, da der Ort Haibach allerdings im Verhältnis zu seinem Gemarkungs Umfange und Localvehältnissen bis zur Übervölkerung stark bevölkert ist, da die Zahl der Armen und nahrungslosen daselbst bereits übergroß ist, (: die Gemeindekasse hat an erkrankte und beschädigte Ortsarme in diesem Jahre gegen 150 fl. anwenden müssen :) - Da 13 dortige eingeborene Unterthanssöhne sich unter dem GhzL Militaire, zum Theile in Spanien, befinden, denen billigerweise die Annahme in ihr Geburtsort nicht versagt werden kann, wodurch in kurzer Zeit die ohnehin übergroße Bevölkerung dieses Orts - und hierdurch die Vertheilung der Gemarkung bedeutend zunimmt; - dürfte das Gesuch des Supplicantens ohnmaßgeblich abzuweisen sein.



Hofheim



Anton Zenglein gilt als „Stammvater“ aller Haibacher Zenglein. Als er 1811 den Antrag stellte, als Bürger von Haibach angenommen zu werden, wurde dieser Antrag abgelehnt. In Haibach gebe es schon eine „übergroße Zahl von nahrungslosen Bürgern“, zudem besitze der Vater der Braut kein Vermögen und ein Schreiner könne sich in Haibach nicht ernähren. Zenglein hat sich daraufhin in dem „Großherzoglichen Würzburglichen Orte Erlenbach“ die Erlaubnis geholt, auswandern zu dürfen.

Hintergrund:

Nach dem durch Napoleon I. hervorgerufenen Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reichs im Jahr 1806 blieb die Kleinstaaterei auf deutschem Boden weitestgehend erhalten. Deren Überwindung war auch zentrales Ziel der Märzrevolution von 1848, die aber am Widerstand der regierenden Fürstenhäuser scheiterte. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches durch Otto von Bismarck im Jahre 1871 wurde die Kleinstaaterei überwunden und ein kleindeutscher Nationalstaat (ohne Österreich-Ungarn) geschaffen. Die Kleinstaaten blieben jedoch als Bundesstaaten des Reiches vielfach noch bestehen.



Von 1812 stammt die Urkunde, die Matthäus Withelm übersetzt hat:

Aschaffenburg am 15ten Febr. 1812

Großherzogthum Frankfurt. Departement Aschaffenburg

Nro. 87. des Hauptregisters. Betreff. Anton Zenglein von Oerlenbach, Unterthans Annahme nach Haibach



Der Distrikts = Maire von Schweinheim an

den Herrn Präfekten.



Anton Zenglein von Oerlenbach im Würzburgischen hat im vorigem Jahre um die Annahme als Unterthan und Schreinermeister nach Haibach angestanden, woselbst er die Tochter des dasigen Einwohners Iltisberger heuraten will. Da er die zur Unterthans Annahme erforderliche Requisiten nicht ausweisen konnte, so ward sein Gesuch zurückgewiesen.

Um nun sein Gesuch durch Rechtfertigung der erforderlichen Requisiten zu begründen, hat er nun um die Auswanderungs Erlaubnis bei dem Ghzl, Würzburgl. Landgerichte Einwurf angesucht, und ist zufolge der mitgehenden Urkunde von diesem angewiesen worden, zuvor ausgewiesen, daß er diesseits als Mitnachbar und Schreinermeister zu Haibach werde angenommen werden.

Er bittet demnach um das desfals nöthige Attestat. Ich habe über diesen Gegenstand vordersamst den Bericht des Hl. Maire von Haibach eingefordert, welchen ich izst anlege. Dieser wiederspricht der Aufnahme des Supplikanten nach Haibach, die Gründe aber mögen nicht ganz zureichend sein, in so ferne nämlich Supplikant wirklich die Erfordernisse zur Rezeption legal ausweist.

Ohnmasgeblich dürfte demnach dem Supplikanten das erbetene Attestat dahin zu ertheilen sein, daß er als Unterthan zu Haibach angenommen werden solle, wenn er die hierzu erforderlichen Requisiten genüglich ausweist, und insbesondere das nöthige Inferendum zum Ankaufe liegender Grundstücke bar bei dem Hl Maire zu Haibach hinterlegt haben werde.

Hoffmann



An Hl. Distrikts Maire von Schweinheim

Ich finde bei Ihrem Vorschlag nichts zu erinnern und können Sie daher ohne Anstand dem Supplikanten das verlangte Attestat erteilen, falls er sich dem Besitzer des erforderlichen Inferendum mrd hinlänglich ausweisen können.

Sämtliche Attestate erhalten Sie in den Anlagen zurück.



Will

  |  Hinweise  |  Datenschutz  |  Haftungsausschluss  |